Unterm Trümmerhaufen

Er dreht einen Kurzfilm. Ich kann vorbei kommen. Die Wegbeschreibung per E-Mail klang geheimnisvoll und kompliziert: Hauptstraße, imposantes Botschaftsgebäude, gegenüber ein Köfteladen, rechts eine kleine Gasse, dahinter ein Restaurant, daneben ein Fahrstuhl, zweiter Stock, rechte Tür, klingeln.

Es summt, ich öffne und stehe in einer anderen Welt, bzw. blicke in den hell erleuchteten Spiegel eines riesigen Schminktisches. Davor sitzt ein alter Mann. Er kommt mir bekannt vor. Es ist der, der bei dem Oscarfilm Argo den wütenden Araber auf dem Markt gespielt hat. Eine ältere Maskenfrau tupft ihn ab, hält ein Ipad hoch und macht ein Photo von ihm. Keiner interessiert sich für mich, Leute laufen hin und her, ein Kamermann kommt aus der Küche, in der Hand eine Zigarette. Der Rauch zieht durch den Raum, überall stehen volle Ascher. Ich ziehe eine Zigarette aus der Tasche, mache, was alle machen, rauchen.  Und beobachten. Alle Fenster sind abgeklebt, das künstliche Licht taucht den Raum in das halbdunkel einer Parallelwelt, von draußen klingen die schwachen Geräusche der Menschenmassen, die sich durch Straßen walzen.

Wo nur ist mein Protagonist? Ich mache mich auf die Suche. Öffne die geheimnisvolle Tür rechts vom Schminktisch. Stehe in einem dunklen Gang, wieder rechts, eine offene Tür, ein Mini-Studio, so groß wie ein Wohnzimmer, alles in Schwarz, Scheinwerfer erhellen einen Trümmerhaufen. Es wird gerade umgebaut für einen Szenenwechsel, ich gehe rein, wieder interessiert sich keiner für mich. Jetzt sehe ich den Mann, der unter dem Trümmerhaufen liegt, blut- und dreckbeschmiert. Mit durch das Licht glänzenden Augen schaut er mich. „Herr Grünberg, schön, dass Sie es geschafft haben.“ Es ist Ullrich Mertin, der Jimmy Hendrix an der Viola, Musiker aus Deutschland, seit 2008 in Istanbul. Bild, Zeit und Deutsche Welle berichteten über ihn, jetzt hat er Zeit für mich.