
Bevorzugt die Kraft der Sonne: Özgür Gürbüz
Foto: Eric Vazzoler
Herr Gürbüz, in der Türkei gibt es kein Atomkraftwerk. Warum protestieren Sie trotzdem gegen Kernenergie?
Im Süden der Türkei, in der Nähe von Mersin, soll ein Atomkraftwerk gebaut werden. Das ist schon seit den Siebzigern geplant. 2000 wurde das Projekt abgebrochen, die AKP nahm es 2004 wieder auf, und bis 2020 soll es fertig sein. Aber das werden sie natürlich nicht schaffen, wir werden sie aufhalten.
„Wir“, das ist die Anti-Kernkraft-Plattform, für die Sie arbeiten. Wer ist das, was machen Sie?
Wie steht die türkische Gesellschaft zur Atomkraft?
Bei Umfragen sprechen sich fast siebzig Prozent der Türken gegen Atomkraft aus. Das Problem ist, dass die Leute Umweltprobleme nicht mit Politik verbinden und trotzdem die AKP wählen, die Kernkraftwerke bauen will. Auf Demonstrationen kommen oft nicht viele Menschen. Sie wissen nicht, wie sie ihren Unmut zeigen sollen.
Deutschland ist die Wiege des Protests gegen Atomkraft. Dient es als Vorbild?
Natürlich hat Deutschland einen großen Einfluss. Deutschland und die Türkei haben zum Beispiel ähnliche Voraussetzungen, was die Ressourcen angeht. Mit Greenpeace, wo ich früher gearbeitet habe, haben wir uns für ein Energieeinspeisegesetz nach deutschem Vorbild eingesetzt, das inzwischen in der Türkei gilt. Gewisse Dynamiken sind unterschiedlich: In Deutschland muss sogar die CDU auf die Demonstranten hören, in der Türkei müssen sie überhaupt nicht reagieren, obwohl 70 Prozent gegen Atomkraft sind. Viele Türken haben eine Verbindung nach Deutschland, und auf Freunde hört man hier gerne.
Sie arbeiten für die Atom-Plattform, sind Mitbegründer der grünen Partei in der Türkei, haben bei Greenpeace gearbeitet, und schreiben als Journalist über Umweltthemen. Woher kommt die Passion?
Als ich vierzehn war, passierte die Tschernobyl-Katastrophe. Die radioaktive Wolke verseuchte auch den Tee an der Schwarzmeerküste. Meine Mutter rannte von Laden zu Laden um teuren, nicht verseuchten Tee aus Thailand oder Indien zu kaufen. Da wurde mir zum ersten Mal das Thema Umweltschutz bewusst. Später hatte mein älterer Bruder großen Einfluss auf mich, er war Anarchist. Zusammen machten wir eine Straßenzeitung. Als die Leute mir Fragen stellten, habe ich gedacht: Ich muss mehr darüber wissen, um ihnen antworten zu können. Meine größte Protestaktion habe ich 1995 gemacht: Ich bin 170 Kilometer rückwärts von Mersin nach Akkuyu gelaufen, dem geplanten Standort des Kernkraftwerks. Ich wollte damit zeigen, dass Atomkraft ein Rückschritt ist. Auf dem Weg habe ich bestimmt mit tausenden Menschen darüber geredet. Das war die beste Zeit meines Lebens.
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